#11  
Alt 20.01.2013, 17:20
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Hintiberi Hintiberi ist offline männlich
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Dann will ich mal meine durch die Forschung gewonnenen Erfahrungen und Aussagen kundtun:

Ich merke ins Vorne an, daß es sich durchaus um subjektiv bewertete Feststellungen handeln kann und schließe eine Gewähr auf die Verbindlichkeit der Feststellungen somit aus. Ausnahmen bestätigen die Regelhaftigkeit einzelner Aspekte.
Die Daten beziehen sich nicht nur auf Verwandte und Anverwandte, sondern auch auf alle andern Personen, dabei sind allerdings Taufpaten nicht immer berücksichtigt. Es handelt sich stets um Überschlagsinformationen, eine Statistik führe ich nicht.


Region:
Erzbistum Paderborn, genauer: Altkreise Büren und Paderborn sowie Altkreis Lippstadt.

Zeitraum:
1700 bis etwa 1875.

Religion:
Katholisch. Selten und nur vereinzelt auch konvertierte Protestanten.

Stadt oder Land?
Land

Finanzielle Situation?
Vom Tagelöhner bis zum Großbauern.
Daneben auch Dorfschullehrer, Küster und Organisten.

Wann wird getauft?
Etwa 1-2 Tage nach der Geburt, oft auch bereits am Tag der Geburt.

Wieviele Taufpaten gibt es?
2 bis 4, wobei am häufigsten 3 Paten erscheinen: 1x levans, von welchem oft der Vorname für den Täufling herrührt und 2x assistens.

Kriterien für Auswahl der Paten?
Meist Verwandte. Dazu aber oft auch Paten aus größeren, eingesessenen Familien, die unverwandt sind.

Familienstand der Paten?
Sowohl verheiratete als auch ledige Personen treten als Paten auf, letztere etwas seltener. Auch Verwitwete tauchen dann und wann als Paten auf, ganz ganz selten auch die eigenen Großeltern (ich glaube, da habe ich nur gefühlte ca. 4-5 Fälle.

Wieviele Namen bekam das Kind?
Zwischen 1 und 5 Vornamen, dabei erhielten Jungen in aller Regel als ersten Namen Johannes, Mädchen den Namen Anna.
Rufname wurde bei den Jungen in den meisten Fällen derjenige, der auf Johannes folgte, also:
Joh. Anton = Rufname: Anton,
Joh. Anton Bernhard = Rufname: Anton.
Bei den Mädchen wurde üblicherweise der letzte aller gegebenen Taufnamen der Rufname, also:
Anna Elisabeth = Rufname Elisabeth,
Anna Maria Catharina Margaretha Gertrud = Rufname: Gertrud.
In einem Ort gab der Pfarrer ab 1832 jedem getauften Kind nur noch einen Vornamen. Das hat sich dort lange gehalten. Nur ganz vereinzelt tauchen in späteren Jahrzehnten zwei oder noch seltener gar drei Vornamen wieder auf.

Die am häufigsten, und damit beinahe ausschließlich vorkommenden Namen sind

- für Jungs:
Johann, Anton, Bernhard, Jodocus, Conrad, Caspar, Heinrich, Friedrich, Joseph, Theodor, Meinolph, Christoph, Wilhelm und der Name des jew. Kirchenpatrons - so kamen bislang (soweit ich das überschauen kann) alle in meinen Forschungsgebieten gefundenen getauften Kilians oder deren Taufpaten bislang aus der Pfarrei St. Kilian, Brenken.
Andere männliche Vornamen gibt es, besitzen aber schon fast Seltenheitswert. In einer Pfarrei taucht bspw. der Name Felix im gesamten Zeitraum 1700-1820 nur ein einziges Mal auf.
Eine weitere Besonderheit bildet der Name Beda, den ich bislang nur in wenigen Pfarreien um Rüthen entdecken konnte - innerhalb einzelner Filialen dieser Pfarrei ist er dann wieder unwahrscheinlich häufig zu finden - ich habe dafür bislang keine Erklärung.

- für Mädchen:
Anna, Maria, Catharina, Elisabeth, Margaretha, Gertrud, Francisca, Christina, Clara, Bernardine, Sophia.
Auch hier gibt es noch einige andere Vornamen, sie sind allerdings weitaus seltener als die üblichen Verdächtigen.
Durch die manchmal als Paten auftretenden Angehörigen der Familie von Ketteler finden sich unter den selteneren weiblichen Vornamen allerdings wiederum häufiger Namen wie Antonetta, Alhardine, Huberta, Charlotte.

Auswahl der Namen?
In der Regel die Namen der Paten.
Manchmal kam der Name des Heiligen dazu, an dessen Tag ein Kind getauft wurde, der Name war aber meist nicht Rufname, wenn nicht zumindest auch ein Pate diesen Namen beisteuerte - und bei Jungs sowieso schon für den Platz nach Johann vorgesehen war (s.o.) )

Soweit fürs erste!
Viele Grüße
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  #12  
Alt 20.01.2013, 23:20
Asphaltblume Asphaltblume ist offline
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Ich hab bisher nicht so darauf geachtet und jetzt schnell mal geschaut, wie das bei einer Schifferfamilie aus Sachsenhausen, einem Örtchen nördlich von Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so war.
Die Leute waren evangelisch, die Väter der Kinder fast alles Schiffer, ein paar Kaufleute kamen noch dazu. Die Mütter kamen zumeist aus der Gegend, Töchter von Kolonisten, Handelsmännern, Handwerkern (Maurer, Ziegler, Zimmermann), eine Müllerstochter, zwei Schifferstöchter.
Die Taufe erfolgte in der Regel ca. 3 Wochen nach der Geburt und an einem Sonntag. Ich habe einige Kinder, die als Säuglinge starben und bei denen ich keinen Taufeintrag gefunden habe. Die starben aber erst mit 2-3 Monaten, nicht innerhalb der üblichen Dreiwochenfrist. Zwei Knaben wurden unterwegs auf dem Kahn geboren und erst etwas später im Heimatort der Eltern getauft, und das bei beiden nicht an einem Sonntag, sondern an einem Montag, also vielleicht gleich nach der Ankunft?
Taufpaten: In der Regel waren es fünf, Männer und Frauen gemischt, Gewichtung und erster Taufpate (-patin) unabhängig vom Geschlecht des Kindes. Innerhalb der Familie tauchten bestimmte Namen mehrfach als Paten auf, Bedeutung im Ort oder Familienzugehörigkeit kenne ich oft nicht (ist auch schwierig, wenn der halbe Ort Dahme heißt, davon die Hälfte Schiffer sind, und gleich mehrere Taufpatinnen als "Ehefrau des Schiffers Dahme" identifiziert werden...). Verheiratete, verwitwete und unverheiratete Männer und Frauen werden gleichermaßen als Paten gewählt. Und kein Ehepaar für ein Kind, wohl aber der Mann für Kind 1, die Frau für Kind 2 einer Familie.
Namenswahl: Anscheinend unabhängig von den Namen der Paten, der bzw. ein Name des Vaters/der Mutter wurde gern als zweiter Name gegeben. Auch Namen der Großeltern und von Onkeln und Tanten tauchen auf, in der Regel als Zweit- oder Drittnamen. Der Name von Paten kam gelegentlich auch vor, ohne dass dies aber irgendwie systematisch zu geschehen schien, eher zufällig, weil Friedrich halt so'n schöner Name ist... Modenamen zeigen sich in den Kirchenbüchern recht deutlich, wobei auch deutlich wird, dass es sich nicht (mehr) um mehrere Generationen übergreifende Namen handelt, sondern dass die nach einigen Jahren wechseln, die Namen der Elterngeneration tendenziell in die Reihe der Zweit- und Drittnamen absinken.
Anzahl der Vornamen: Mindestens zwei, üblich sind drei, vier gibt es gelegentlich.
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  #13  
Alt 22.10.2013, 19:50
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Anna Pauline Anna Pauline ist offline weiblich
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Das ist eine interessante Umfrage. Ich habe mich damit noch nicht auseinandergesetzt, hätte aber mal eine Frage zu diesem Thema. Wie alt musste ein Taufpate/eine Taufpatin sein? Gab es da ebenfalls Vorschriften?

Gruß Anna Pauline
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  #14  
Alt 23.10.2013, 00:03
Asphaltblume Asphaltblume ist offline
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Die evangelische Kirche schreibt meines Wissens in dieser Hinsicht nur vor, dass Taufpaten konfirmiert sind. Also religionsmündig = mindestens 14 Jahre alt.
__________________
Gruß Asphaltblume
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  #15  
Alt 28.04.2021, 10:43
Lama Lama ist offline
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Regeln zur Vornamenswahl können für den heute Forschenden praktisch sein (oder unpraktisch, je nachdem):

Region Obersteiermark, Murtal (katholisch, ländlich, 17.-18. Jh., damals Erzbistum Salzburg): nach den Gedenktagen der Heiligen, bis etwa 4 Wochen im Voraus möglich. Die meisten Gedenktage beliebter Namenspatrone sind am Monatsende (Georg, Johannes, Peter und Paul, Jakobus, Andreas, Katharina, Eva...), so dass man mit etwa 99%iger Trefferquote aus dem Vornamen auf den Geburtsmonat schließen kann. Maria geht wegen der zahlreichen Marienfeiertage immer, Genoveva heißen die Leute nur, wenn sie zwischen 24.12. und 2.1. geboren sind. Ausnahmen sind sehr sehr selten und, soweit ich bisher gesehen habe, nie später im Kalenderjahr als der Gedenktag des Heiligen. Noch meine Oma zitierte die zugehörige Regel: "Zurücktauft wird nicht."

Region Mährisch-Schlesien (katholisch, ländlich, 17.-18. Jh., damals Bistum Olmütz): An die Söhne werden die Namen des Vaters oder Namen des Großvaters väterlicherseits weitergegeben, so dass es in jeder Generation Unmengen an Joseph und Franz gibt. Unpraktisch.


LG Lama
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