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  #11  
Alt 16.04.2010, 20:16
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
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Hallo Helen,
da hast Du ja einen großen Schatz vorliegen, an dem Du uns teilhaben läßt!
Es freut einen sehr, wenn man auch mal Berichte aus der Vergangenheit lesen darf und an eine Zeit erinnert wird, die beschaulicher war als die Gegenwart. Man darf allerdings nicht vergessen, daß es eine schwere und harte Zeit war, in der unsere Vorfahren lebten!
Ich habe auch noch Briefe meiner Großmutter vorliegen, die ich auch "verarbeitet" habe und meinen Verwandten Exemplare davon gedruckt zur Verfügung gestellt habe.
Ich habe berets einen Vortrag über das Leben meiner Großmutter gehalten, die 1903 aus der Region Manchester nach Riga kam und bis 1917 an ihre Geschwister Briefe schickte. Hier kannst Du nachlesen ...
http://www.genealogie-nordwuerttembe...&nachleseID=14
Es ist ein kurzer Überblick, der ein Lebensbild zeichet.
Ich sammle auch vieles aus der Vergangenheit, was ich nach Möglichkeit auch immer noch zum besten geben kann.

Ich freue mich auf weitee Berichte.
Viele Grüße
Frank K.
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  #12  
Alt 16.04.2010, 21:13
corinna corinna ist offline weiblich
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Hallo Helen,

ich freue mich immer auf den nächsten Teil!
Zur Veröffentlichung: Hast Du es auch bei Zeitschriften versucht? Im Moment ist die Genealogie ja sehr im Kommen, so dass vielleicht die Chancen größer wären. Mich fasziniert der Inhalt Deiner Geschichten sehr, aber auch die unglaublich gut formulierte SChreibweise - es ist wunderbar zu lesen!

Liebe Grüße,
Corinna
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  #13  
Alt 16.04.2010, 21:49
Helen Helen ist offline weiblich
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Ich denke, diese Erinnerungen sind besonders für diejenigen interessant, die einen Bezug zu Personen oder Regionen haben. Bei AlAvo ist es die väterliche Seite, bei dir Frank, die Großmutter. Leider habe ich Probleme, deinen Link zu öffnen. Ich versuche es gleich am andern Rechner. Ich habe keine Ahnen aus der baltischen Region, trotzdem kann ich mich durch die Erzählung sehr gut in Landschaft und Menschen hinein versetzen.
Corinna, der Schreibstil ist nicht jedermanns Sache, wie das halt bei einem Buch auch so ist. Mein Ex-Mann bezweifelte vor vielen Jahren, dass das alles so gewesen sei. Ich gab mir nicht viel Mühe, ihn zu überzeugen, es war nicht seine Welt.
Helen





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  #14  
Alt 16.04.2010, 22:02
Helen Helen ist offline weiblich
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Lindenberg

Anfang des Jahres 1913 übernahm ich auf dem dem Baron von Wolff gehörenden Gute Lindenberg als Administrator die Leitung seines landwirtschaftlichen Besitzes. Der Baron empfing mich mit den Worten: „Der Ruf Ihrer Strenge ist Ihnen voraus geeilt, die Leute haben alle gekündigt.“ Das war kein ermutigender Anfang und ließ mich Schlimmes erwarten. Ich behandelte die Leute vorsichtig und wo es ging, verschaffte ich ihnen Erleichterungen. Das hatte den erfolg, dass sie ihre Scheu verloren und willig ihre Arbeit verrichteten. Ihre Kündigungen zogen sie zurück oder sprachen nicht mehr davon, was den Baron sehr beeindruckte und worüber er sich mir gegenüber sehr erfreut äußerte.

Wenn ich auch in der Folge mit dem Baron sehr eng zusammenarbeitete, war unser gegenseitiges Verhältnis doch ganz anders als das zu Herrn v. Sivers gewesen war. Dieser war jünger als ich und wir lebten mehr wie Freunde als wie Herr und Angestellter nebeneinander. Baron von Wolff war der vornehme Grandsigneur, dessen herzlicher Liebenswürdigkeit man mit Respekt begegnen musste. Er interessierte sich außerordentlich für Neuerungen die ich einführte und unterstütze meine Pläne betr. Einführung einer intensiven künstlichen Düngung, für die er schon seit längerer Zeit eingetreten war, die aber mein Vorgänger als völlig unrentabel abgelehnt hatte. Ein Ereignis ist mir besonders im Gedächtnis haften geblieben. In der Nähe des Schlosses hatten wir ein großes Kleefeld. Es war sehr gut gediehen, die Pflanzen standen in der Blüte und hatten eine beträchtliche Höhe. Ich beorderte einen Mann mit einem Pferd auf das Feld und ließ ihn mit einer Ackerschleppe den Klee umlegen. Der Baron, der dies vom Fenster des Schlosses aus beobachtet hatte, kam eilends dazu und mit fassungslosem Gesicht fragte er: „Um Gotteswillen, was machen Sie da, wir sind doch froh, wenn der Klee steht und nicht liegt, und Sie lassen ihn umwalzen?“ „Herr Baron,“ erklärte ich ihm, „jetzt steht wohl der Klee, aber nach dem nächsten Regen oder wenn die Köpfe zu schwer werden, liegt er kreuz und quer, so dass er nur von einer, günstigstenfalls von zwei Seiten gemäht werden kann. Dieses Dilemma haben wir doch jedes Jahr. Ich verhindere es aber dadurch, dass ich den Klee mit der Schleppe so hinlege, wie es die Maschine braucht um ringsherum fahren zu können.“ „Donnerwetter, das leuchtet mir ein, und auf so eine einfache Sache ist hier noch niemand gekommen, das muss ich meinem Nachbarn erzählen“ rief er ganz begeistert aus und begab sich schleunigst wieder nach Hause, wahrscheinlich ans Telefon.

Der Stolz des Barons war seine Viehherde. Alljährlich stellte er in Riga die gezüchteten Jungbullen aus mit denen er schon viele Preise erzielt hatte. Er erzählte mir, dass die Genossenschaftsmolkerei in Riga eine Kuh besitzt, die tägl. 30 Stof liefert (1 Stof = 1,2 L). Sein Ehrgeiz ließ ihn mich fragen, ob ich es mir wohl zutraue, ihm eine Kuh zu schaffen, welche dies Ergebnis noch übertreffe. Ich sagte ihm, dazu müsste ich erst nach Riga fahren um an Ort und Stelle die Verhältnisse zu erfahren, welche die Kuh zu dieser Leistung befähigen, wahrscheinlich würde mir aber diese Einsichtnahme verweigert werden. „Das ist nicht zu befürchten, denn ich habe dort auch ein Wort mitzusprechen.“ sagte er darauf. Mit einem Schreiben des Barons an den Direktor der Molkerei in der Tasche machte ich mich auf den Weg nach Riga. dort machte man mir keinerlei Schwierigkeiten, so dass ich die Fütterung dieser Kuh genau studieren konnte. Bald stellte ich fest, dass von einer Rentabilität nicht gesprochen werden konnte, denn die Kosten des Kraftfutters überstiegen den Wert der erzeugten Milch ganz bedeutend. Es war also nur eine Reklamekuh. Nachdem ich dem Baron von dem Ergebnis meiner Feststellungen berichtet hatte, bemerkte er ganz richtig, dass in unserem Falle nicht in der Lieferung von Milch die Rentabilität zu suchen sei sondern sie sich in den Preisen ausdrückte, die man für die aus der Kuh gezogenen Nachzuchttiere erhalte.

Ich suchte also eine Kuh aus, stellte sie besonders und fütterte sie selbst. Der Versuch mit dieser Kuh war ein Fehlschlag. Ich versuchte es mit einer anderen, doch wieder war es ein Misserfolg. Erst mit dem dritten Tier hatte ich Erfolg. Nach zwei Monaten gab sie 32 Stof Milch, war also jetzt die beste Kuh des Herdbuch-Vereins. Aus Freude darüber schenkte mir der Baron ein wertvolles Ölgemälde.

Mit dem Forst hatte ich in Lindenberg nichts zu tun. Dieser unterstand dem Oberförster, einem Grafen von Lambsdorff. Das Herumstreifen in den Wäldern und die Ausübung der Jagd fehlten mir sehr. Meine Gewehre hingen an der Wand und blieben dort hängen bis sie bei Ausbruch des Krieges von der russischen Polizei abgeholt wurden.

Mein ganzes Interesse beschränkte sich auf die Landwirtschaft in der ich gute Erfolge aufweisen konnte. Nun ist es ja keine Kunst, in einem Betriebe Erfolge zu erzielen, in welchem bisher nur extensiv gewirtschaftet worden war, wo man auf Anwendung von Kunstdünger und modernen Maschinen verzichtet hatte. Ich hatte ja keinen mustergültigen Betrieb übernommen, in dem es nichts zu verbessern gab, in dem ich nur hätte darauf bedacht sein müssen, ihn auf der gleichen Höhe zu halten. Es war für mich eine große Genugtuung, wenn der Baron öfters einen seiner Nachbarn einlud und diesem die von mir eingeführten Neuerungen zeigte, wodurch auch die Nachbargüter zur Nachahmung angeregt wurden.

Geändert von Helen (12.08.2017 um 17:57 Uhr)
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  #15  
Alt 16.04.2010, 22:12
corinna corinna ist offline weiblich
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Hallo Helen,

ich will Dich natürlich nicht überreden, aber heute gibt es so viele "Kindheitserinnerungen" aus heutiger (!) Zeit, die als Büchlein - auch stadtteilweise - veröffentlicht wurden, dass sowas, wie Du besitzt, wirklich so unglaublich viel wertvoller ist.

Aber ich finde es toll, dass Du es hier hereinschreibst, hier ist es für viele bestimmt mehr als interessant!

Dir ein schönes Wochenende,
Corinna
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Sowie Rieck in Hamburg und Kröß.
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  #16  
Alt 16.04.2010, 22:36
Helen Helen ist offline weiblich
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Ich überlege es mir, Corinna. Jetzt wird es nochmal spannend...

Während meiner Tätigkeit in Winterfeld hatte ich bei einem deutschen Baumschulenpächter in Römershof dessen Nichte kennen gelernt, die bei ihm zu Besuch weilte. Sie war eine Waise und lebte bei ihrem Onkel, dem Direktor einer Dachpappenfabrik in Petersburg. Ihre Herkunft war von einem Geheimnis umgeben. Ihr Großvater war als kleines Kind auf einem russischen Kriegsschiff nach Libau gebracht worden und dem dortigen Pfarrer mit einer größeren Geldsumme zur Erziehung übergeben worden. Dem Kinde hatte man den Namen „Radatus“ gegeben. Radatus ist kein russ. Name, das Wort stammt aus dem Griech. und bedeutet „Der Ausgesetzte“.

(Meine (Helens) Anmerkung dazu: Das in einem der nächsten Beiträge genannte Kind, meine Tante, die in Petersburg aufwuchs, erzählte mir, dass dieser Junge in die Familie eines Tischlers namens Reichard in Pflege gegeben wurde. Sein Familienname sollte Radatus heißen. Als Erkennungszeichen wurde ein Ring mit einem Stein, in den ein Georgsritter eingeschliffen war, übergeben. Als das Kind etwa 12 Jahre alt war, kam wieder ein Schiff, um ihn abzuholen, doch er lief weg und versteckte sich, so dass das Schiff ohne ihn abfahren musste. Als er erwachsen war, kam eine Erbschaft, die er aber nicht annahm, weil seine Eltern sich nicht um ihn gekümmert hätten.)

Mit diesem Frl. Radatus hatte ich mich verlobt. Von Winterfeld aus hatte ich sie schon einmal in Petersburg besucht. Petersburg von damals war nicht zu vergleichen mit dem späteren Leningrad. Petersburg, als Residenz des Herrschers aller Preußen, mit seinen prächtigen Bauten, den wuchtigen Standbildern Peter des Großen, Katharina der Zweiten, Alexander des Dritten, mit den wundervollen ehernen Rossebändigern auf der Moika-Brücke, dem Winterpalast, dessen Korridore 33 km lang sind, war eine Stadt, deren Sehenswürdigkeiten man bei einem einmaligen Besuch nur teilweise aufsuchen konnte.

Da war das Bootshaus Peter des Großen, ein einfaches Bretterhaus, in dem der Zar seine in Holland erlernte Kunst des Bootsbaus ausübte, über dem ein großes steinernes Gebäude errichtet worden war, um es vor Einflüssen der Witterung in seiner Ursprünglichkeit zu erhalten.


In der Eremitage, einem der berühmtesten Museen der Welt bewunderte ich die unsterblichen Werke eines Michelangelo, Raffael, Rubens, Rembrandt, Dürer und vieler anderer Meister. Ich war im kaiserlichen Marstall und durfte die vielen edlen Pferde bewundern, die dort in seiner ganz bestimmten Reihenfolge standen. Zuerst standen die Pferde, die nur für den Gebrauch des Zaren bestimmt waren. Dahinter folgten die des Thronfolgers, darauf die der Zarinmutter und dann der Zarin.

Über dem Marstall befand sich, wenn ich es so nennen darf, eine museale Rumpelkammer. Dort standen die Schlitten in denen Katharina II. mit ihren Günstlingen ausgefahren war, Schlitten, auf denen bis zu 20 Personen Platz fanden. Dort stand auch der zerfetzte Wagen, in welchem Alexander der Zweite saß, als ihn eine Bombe zerriss. Zum Gedenken dieses Zarenmordes wurde über der Stelle des Attentats die Sühnekirche erbaut. In ihr ist der Teil der Straße mit Rinnstein und Pflaster, die Stelle, auf die die Bombe fiel, zu sehen.

Ich besuchte die Peter-Paul-Festung, wo in den unterirdischen Räumen die verstorbenen Mitglieder der Zarenfamilie ruhen und blutige Geheimnisse der Romanovs begraben sind. Der gewaltige Kirchenbau des orthodoxen Glaubensbereiches ist die Isaak-Kathedrale. Das Innere birgt Kostbarkeiten, die nur der Kunstkenner richtig würdigen kann. Goldene Gefäße und blitzende Edelsteine blenden den Blick und wenn man Gelegenheit hat, einem feierlichen Gottesdienst beizuwohnen, so kann man nur mit Erschütterung und Bewunderung den dröhnenden Bässen der Popen lauschen, deren Gesang grollend durch die weiten Räume rollt. Dort stand ich auch vor einem kostbaren Schrein, in welchem der Rock Jesu hing. Der Rock, den Christus getragen hat und den ein römischer Soldat im Würfelspiel gewann. Beim Anblick dieser hl. Reliquie wollte mir aber kein frommer Gedanke kommen, sondern ketzerische Überlegungen beherrschten mein Denken. Wie war denn das doch, wird nicht auch in Trier ein Hl. Rock gezeigt? Und in Paris doch auch – und in Barcelona auch – und in drei andern Orten der Welt doch ebenfalls? Und war nicht bei jedem dieser Röcke eine Echtheitsbescheinigung des Papstes vorhanden? Es konnte doch nur einen von Jesu getragenen Rock geben. – Oder war überhaupt kein echter vorhanden? Waren die Röcke nur das Produkt einer Idee eines geschäftstüchtigen Papstes? Die Bescheinigungen werden nicht billig gewesen sein, denn für die jeweiligen Besitzer der Röcke waren diese ein wertvolles Propagandamittel. Der Rock in Trier wird heute nicht mehr öffentlich gezeigt, man rückt also von diesem frommen Betrug ab. die Kirche ist vorsichtig geworden, sie macht auch den Schwindel von Herolsbach nicht mit und hält sich auch den Vorgängen in Konnersreuth gegenüber zurück. Beides sind Fälle, die sie in früheren Zeiten nicht versäumt hätte, sie ihren Zwecken nutzbar zu machen.
Nach dieser Abschweifung nun wieder zu anderen meiner Petersburger Erlebnisse.


Allen ein schönes Wochenende!
Helen
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  #17  
Alt 17.04.2010, 21:49
Helen Helen ist offline weiblich
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Hallo AlAvo, da habe ich einen guten Link gefunden, den du in "Deutsch-Lettische Biografien" vorgestellt hast. Vielen Dank dafür!!

Darin fand ich

1. RADATUS Anna geb. Friesen * 73. J. a. + 01.08.1923. Libau
Alten Frdh. Libau; W. Strohstr. 8, Libau.
Heil. Dreifaltigkeitss gmn. Libau.
“Libausche Zeitung” # 172. 04.08.1923.
“Libausche Zeitung” # 171. 03.08.1923.

2. RADATUS Felix Aleksander * 7. M. a. +1936.
Petri Gmn. R.
“Rigasche Rundschau” # 174. 31.07.1936.

3. RADATUS Hermann * 45. J. a. + 27.09.1920. Libau
Alten Frdh. Libau.
“Libausche Zeitung” # 223. 30.09.1920.

4. RADATUS Herta Karoline Hermine * 1. J. a. + 1918.
Petri Gmn. R.
---
Bei Felix Aleksander steht: * 7. M. a. +1936? Ich nehme an, er wurde nur 7 Monate alt?

Sie gehören zur Familie Radatus, von der ich schrieb. Nur kann ich sie nicht zuordnen. Meine Kenntnis beginnt mit Hermann Radatus, von dem ich keine Daten habe. Er hatte (mind.) einen Sohn Ludwig, Georg, Friedrich Radatus aus Sackenhausen (?) geb. 18.03. 1833. Er heiratete am 7.9.1858 eine Auguste Klara Fielitz (geb. 10.2.1839 in Rönnen?) Sie hatten 12 Kinder und da wird eine Zuordnung sehr schwierig.
Ich freue mich aber über die neue Information.

Herzliche Grüße
Helen
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  #18  
Alt 18.04.2010, 12:14
Helen Helen ist offline weiblich
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In der Familie Friesen, des Onkels meiner Braut verkehrte eine russische Dame, die mir als ‚Anna Wladimirowna’ vorgestellt wurde. Es ist in Russland üblich, dass man nur den Vornamen und den Vatersnamen nennt, den Familiennamen erfährt man oft überhaupt nicht. So wurde ich ihr als German Ottonowitsch vorgestellt. Ihr geistvolles Gespräch und ihre Erzählungen, die in den höchsten Kreisen der Zarenstadt spielten, bewogen mich, meine Braut zu fragen, wer eigentlich diese Anna Wladimirowna sei. Da erfuhr ich, dass dies Anna Wladimirowna, Gräfin Apraxina sei und ihr Sohn Feodor Konstantinowitsch als Flügeladjutand beim Zaren Dienst tue. Wie kam es, dass diese Frau freundschaftlich in der Familie Friesen verkehrte? Ich habe mir darüber den Kopf zerbrochen und bin auf die Idee gekommen, dass sie das Geheimnis der Herkunft meiner Frau kannte, war doch auch Frau Friesen eine geb. Radatus, eine Tochter des ‚Ausgesetzten’.
Ich habe nichts Näheres erfahren können, vielleicht war es auch nur eine falsche Vermutung von mir.

Viel Interessantes wusste die Gräfin zu erzählen, vom Leben am Hofe, von Episoden um die Großfürsten und auch von Rasputin, der zu dieser Zeit in Petersburg sein Unwesen trieb. Diesen sibirischen Bauer, Säufer, Wüstling und Wundertäter zugleich gelang, was keinem der berühmtesten Ärzte gelang, das nach jeder kleinen Verletzung unaufhaltsam rinnende Blut des Zarewitsch zu bannen. Sein Heilmittel war das Gebet, das sogar wirkte, wenn er sich in Sibirien bei seiner Familie befand und ihn dort ein Hilferuf der Zarin erreichte. Er ging am Zarenhofe ein und aus und wusste den Zaren so zu beherrschen, dass selbst Minister nach seinem Willen eingesetzt oder entlassen wurden. er wurde von Großfürsten und Politikern bestochen, die glaubten, durch ihn ihre Wünsche beim Zaren durchsetzen zu können. Rasputin nahm das Geld und verfolgte aber seine eigene Politik.

In Winterfeld hatte ich einen Viehhirten, Streich hieß er, ein Lump und Säufer, ein verkommener Mensch. Ich komme später noch auf ihn zurück. Auch dieser Mensch verstand es, rinnendes Blut zu stillen ohne irgendein Mittel anzuwenden. An ihn musste ich bei den Schilderungen Rasputins denken und ich fragte mich, ob auch er wohl dem Zarewitsch hätte helfen können.
Nun, Streich war tot, erschlagen – und auch Rasputin wurde später, als er versuchte, den Zaren zu einem Friedensschluss zu veranlassen, noch rechtzeitig vergiftet, erschossen und schließlich ersäuft, da Gift und Kugeln ihn nicht zur Strecke bringen konnten.


Als ich 1917 aus Sibirien zurückkam, zeigte man mir die Stelle, wo ihn seine fürstlichen Mörder unter das Eis der Newa gesteckt hatten.

Zu den Sehenswürdigkeiten Petersburgs konnte man auch die Mietdroschken rechnen, die mit den berühmten Orloff-Trabern bespannt, im Renntempo über das Holzpflaster des Newski-Prospekts, der Haupstraße der Stadt, dahindonnerten. Eine Fahrt mit ihnen konnten sich nur Leute leisten, die über genügend übriges Geld verfügten.

Höchst interessant war das bunte Leben in den Hauptstraßen. Kosaken auf wilden, ungebärdigen Pferden mit schief auf einer Seite des Kopfes sitzender Tschapka, die sie sonderbarerweise nicht verloren, Tscherkessen in langen weißen Mänteln, den krummen Säbel an der Seite und den blitzenden Patronenreihen an der Brust, ein hochgewachsener schöner Menschentyp, dazwischen Tartaren in reichen bunten Gewändern, dazwischen Kirgiesen, Baschkieren, Burchäten, Kurden, Armenier und Vertreter all der vielen muselmanischen Völker aus dem Osten des großen Reiches boten ein fesselndes Straßenbild. Machte eine hohe Persönlichkeit eine Ausfahrt, so ritt ein Pulk Kosaken voraus, die rücksichtslos mit ihren Nagaikas die Straße freilegten. Wenn einer der Passanten einen Hieb über den Kopf erhielt, so fand er dies ganz in der Ordnung, zog die Mütze und grüßte demütig.


Helen
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  #19  
Alt 18.04.2010, 13:57
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Lächeln AW: Familie Radatus

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Hallo AlAvo, da habe ich einen guten Link gefunden, den du in "Deutsch-Lettische Biografien" vorgestellt hast. Vielen Dank dafür!!

Darin fand ich

1. RADATUS Anna geb. Friesen * 73. J. a. + 01.08.1923. Libau
Alten Frdh. Libau; W. Strohstr. 8, Libau.
Heil. Dreifaltigkeitss gmn. Libau.
“Libausche Zeitung” # 172. 04.08.1923.
“Libausche Zeitung” # 171. 03.08.1923.

2. RADATUS Felix Aleksander * 7. M. a. +1936.
Petri Gmn. R.
“Rigasche Rundschau” # 174. 31.07.1936.

3. RADATUS Hermann * 45. J. a. + 27.09.1920. Libau
Alten Frdh. Libau.
“Libausche Zeitung” # 223. 30.09.1920.

4. RADATUS Herta Karoline Hermine * 1. J. a. + 1918.
Petri Gmn. R.
---
Bei Felix Aleksander steht: * 7. M. a. +1936? Ich nehme an, er wurde nur 7 Monate alt?

Sie gehören zur Familie Radatus, von der ich schrieb. Nur kann ich sie nicht zuordnen. Meine Kenntnis beginnt mit Hermann Radatus, von dem ich keine Daten habe. Er hatte (mind.) einen Sohn Ludwig, Georg, Friedrich Radatus aus Sackenhausen (?) geb. 18.03. 1833. Er heiratete am 7.9.1858 eine Auguste Klara Fielitz (geb. 10.2.1839 in Rönnen?) Sie hatten 12 Kinder und da wird eine Zuordnung sehr schwierig.
Ich freue mich aber über die neue Information.

Herzliche Grüße
Helen

Hallo Helen,

zunächst vielen Dank für die Fortsetzung des Tagebuches!

Bezüglich des familiären Anschlusses der gefundenen Mitglieder der Familie Radatus bestehen gute Aussichten diese in Raduraksti , den lettischen Online-Kirchenbüchern sowie den Volks- und Seelenrevisionslisten, zu finden.
Sofern zu Raduraksti oder dessen Anwendung Fragen bestehen oder eine Unterstützung benötigt wird, stehe ich gerne hilfreich zur Seite.


Viele Grüße
AlAvo
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Mitglied der Lettischen Kriegsgräberfürsorge (Bralu Kapi Komiteja)

Zirkus- und Schaustellerfamilie Renz sowie Lettland

Meine Alben (werden ständig erweitert)



Reisenden zu folgen ist nicht einfach, um so mehr, wenn deren Wege mehr als zweihundert Jahre zurück liegen!


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  #20  
Alt 18.04.2010, 21:22
Helen Helen ist offline weiblich
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Oh, das ist wieder eine neue Quelle, danke, ich schaue sie mir auf jeden Fall an.
---
Ich besuchte auch den inmitten der Stadt gelegenen großen Friedhof des Alexander-Newski-Klosters mit seinen herrlichen Grabdenkmälern, dabei stieß ich ganz unvermutet auf das Grab Anton Rubinsteins, des bekannten Komponisten, der hier seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.

Noch viele andere Sehenswürdigkeiten könnte ich anführen, aber viele habe ich schon vergessen, denn es sind immerhin schon 45 Jahre vergangen, seit ich Petersburg erstmalig sah.

Ich sagte bereits, dass dieser erste Besuch Petersburgs von Winterfeld aus erfolgte. Im Juni 1913 reiste ich von Lindenberg in die Hauptstadt, dieses Mal, um dort zu heiraten. Als ich meine Braut wiedersah, war ich tief erschrocken. Als ich sie in Römershof kennenlernte, hatte sie ein blühendes gesundes Aussehen und nun trat sie mir mit blassem, leidenden Gesicht entgegen. Auch ihr Wesen hatte sich verändert, sie erschien mir niedergedrückt und traurig. Von ‚lieben’ Bekannten erfuhr ich nun, dass sie damals eben erst aus einem finnischen Sanatorium, einer Lungenheilstätte als gesund entlassen worden war. Ich heiratete also eine kranke Frau. Ich merkte, dass sie ihren Zustand kannte, dass dieser sie bedrückte und dass sie vielleicht hoffte, in den Wäldern ihrer neuen Heimat zu gesunden. Es wurde eine Hochzeit mit erzwungener Fröhlichkeit, mit trüben Ahnungen für die Zukunft. Diese sollten sich schlimmer erfüllen als man es vermuten konnte.

Die Trauung wurde vom evang. Pfarrer in der Wohnung vorgenommen. Am zweiten Tag nach der Hochzeit fuhr ich im Auftrage Baron Wolffs von Petersburg weiter nach der 200 Werst weiter östlich liegenden Kolonie Nikolajewna um zu versuchen, dort deutsche Arbeiter für die Güter in Livland anzuwerben. Meine Fahrt blieb ergebnislos, da überzählige Familien nicht vorhanden waren. Der Generalvorsteher, er hieß Schäfer, bat mich einige Tage zu verweilen, denn der Besuch eines Reichsdeutschen galt als Sensation und jeder seiner Gemeindemitglieder wollte doch Neuigkeiten aus Deutschland, ihrem alten Heimatlande hören. So wanderte ich zwei Tage lang von Hof zu Hof, überall auf das gastfreundlichste aufgenommen. Um mir den Magen nicht völlig zu verderben, zog ich es vor, am dritten Tage wieder abzureisen.

Geändert von Helen (12.08.2017 um 17:57 Uhr)
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baltikum , baschkieren , mohammedaner , orenburg , petersburg

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